Kolumne

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Für Elon Musk führt KI ins Schlaraffenland, für den Gründer von Anthropic droht der Weltuntergang. Viele fürchten Jobverluste.
Diese Diskussion gibt es bei jeder technologischen Revolution. In den 90er-Jahren war das Buch «Das Ende der Arbeit» von Jeremy Rifkin der Kassenschlager. Damals hiess die Revolution Digitalisierung.
Es gab keine Heere von Arbeitslosen. Jede technologische Revolution hat mehr neue Jobs geschaffen, als alte vernichtet wurden. Wie der Ökonom Keynes vor 100 Jahren vorhersagte, machten uns Technologie und Handel in dieser Zeit vier- bis sechsmal reicher. Gleichzeitig arbeiten wir – gemessen an unserer Lebenszeit – massiv weniger. Aber die Geschichte zeigt auch: Es gibt Gewinner und Verlierer.
Erstens können Staaten gewinnen oder verlieren. Wer neue Technologien rasch anwendet, gewinnt. Wer wie ein Kleinkind die Augen verschliesst und hofft, dass eine Gefahr vorübergeht, verliert. Heute sind Schwellenländer wie China und Südostasien offen für KI. Europa ist unentschieden, und Widerstand gibt es in englischsprachigen Ländern. In den USA tobt bereits ein Kampf gegen Datenzentren als Grundlage für KI. KI ist dort noch unbeliebter als Trump, ICE und die Republikaner.
Auch in der Schweizer Industrie wird zum Teil noch zugewartet. Das ist gefährlich. Denn alle spüren den Innovationsdruck, gerade aus China. China subventioniert Firmen, und diese wollen Marktanteile statt Gewinne. Zudem sind die Mitarbeitenden viel erfolgshungriger als Europäer. Noch wichtiger ist: China setzt KI ein. Das macht das Land gerade in der Innovation enorm schnell.
Schweizer Firmen müssen mit dem chinesischen Tempo mithalten – und gleichzeitig Schweizer Präzision und Qualität liefern. Nur so können wir weiter teurer sein.
Die Industrie bewegt sich jedoch. Das zeigen die ausgelasteten Angebote bei «Next Industries», der Digitalisierungs- und KI-Plattform von Swissmem. Hier wagen Firmen dank Austausch und Partnerschaften den Schritt in die nächste Geländekammer.
Dieser Schritt kann immer weniger alleine erfolgen. Die Welt der Technologien und Normen wird immer komplexer. Gerade KMU brauchen deshalb Partnerschaften. Das ist der einzige Bereich, in dem die Schweiz die Industrie mit Geld unterstützt: Innosuisse, die Forschungsförderung des Bundes, finanziert jährlich für rund 300 Mio. Franken Projekte für neue Produkte. Anders als im Ausland fliesst das Steuergeld aber nur an Partner wie ETHs, Universitäten und Fachhochschulen. Die Firmen steuern Cash und Eigenleistungen bei.
Hier braucht es Anpassungen. Auch private Forschungspartner müssen Beiträge erhalten, denn oft sind sie praxisorientierter und schneller als Hochschulen. Zudem muss die Gesellschaft Prioritäten setzen und mehr Geld für Forschung und Innovation einsetzen. Denn Innovation sichert über neue Produkte die 325’000 Industriejobs in der Schweiz – in oft global führenden KMU.
Zweitens müssen Arbeitnehmende den Ansprüchen der neuen Welt gewachsen sein. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Mitarbeitenden und Arbeitgebenden. Swissmem führt demnächst «Copilot» für alle Mitarbeitenden ein. Wir schulen alle, damit sie das neue Instrument nutzen können. Die Mitarbeitenden bereiten sich zuhause auf die Schulung vor, denn Copilot ist ja auch privat nutzbar.
Auch der Staat ist gefordert. Er muss endlich wieder Freude an Leistung vermitteln – denn das Leben ist kein Ponyhof. Grundfähigkeiten wie Lesen und Rechnen müssen sitzen. Neu gehört auch das «Prompten» dazu, also die Fähigkeit, KI richtig anzuleiten. Wissen ist die Grundlage für kritisches Denken. Und kritisches Denken braucht es, um KI zu steuern und zu prüfen. Wenn wieder mehr Junge statt ans Gymnasium und danach ins Jus- oder Phil.-I-Studium in eine technische Lehre gehen und sich später bis zur ETH weiterbilden, droht auch weniger Arbeitslosigkeit nach der Ausbildung.
Fazit: Über China und KI kann man fluchen – und so die Zukunft verschlafen. Wachen wir auf. Nutzen wir KI, fokussieren wir auf Bildung und Innovation, spucken wir in die Hände und arbeiten wir. So sichern wir Jobs und Wohlstand für unser Land.
Ihre Meinung zu diesem Thema interessiert mich. Schreiben Sie per Mail an:
s.brupbacher@swissmem.ch
Zur Person:
Stefan Brupbacher, promovierter Jurist, war Generalsekretär des WBF sowie der FDP Schweiz und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Führungspositionen. Seit 2019 ist er Direktor von Swissmem und Vorstandsmitglied von Orgalim, dem europäischen Dachverband der Technologie-Industrien.




